Der vergessene Rhythmus
Seit Jahrmillionen steigt und fällt das Wasser der Meere - überfluten die Wellen das Land und ziehen sich wieder zurück - immer im gleichen Rhythmus. Das Universum dehnt sich aus und zieht sich zusammen. Auch die menschliche Entwicklung folgt einem vorgegebenen, natürlichen Rhythmus. Jeder Anspannung folgt eine Entspannung - erst in der Ruhephase wird Gelerntes verarbeitet. Die innere Uhr steuert sowohl Schlaf- und Wachphasen und sämtliche Stoffwechselvorgänge im Körper. Die sichtbarste Verbindung zum pulsierenden Geschehen in der Natur ist die Menstruation. In Naturvölkern ohne künstliches Licht menstruieren alle Frauen gleichzeitig zu Vollmond. Teil des natürlichen Geschehens zu sein, vermittelt ein tiefes Gefühl von Verbundenheit und Vertrauen. Schreiende Kinder beruhigen sich so bald sie das pulsierende mütterliche Herz spüren, es erinnert sie an die Geborgenheit in der Gebärmutter. Ein regelmäßiger Rhythmus tröstet und beruhigt, ist er doch die Grundlage des menschlichen Seins und damit dem Ursprung am nächsten. Je näher der Mensch dem Ursprung ist, desto sicherer kann er sich fühlen. Je nach individueller Entwicklung treten Kinderkrankheiten zur Unterstützung der Reifungsprozesse auf . In der westlichen Welt ist die Erinnerung an unseren angeborenen Rhythmus und zur inneren Uhr aus den Fugen geraten. Jahreszeitliche Veränderungen werden ignoriert, indem im Winter in Länder verreist wird, wo Hochsommer herrscht, zu einer Zeit, wo der Körper Ruhe und Entspannung braucht. Die technisierte Medizin als analytische Methode ist geneigt, den körpereigenen Rhythmus zu ignorieren, ihn nach eigenem Gutdünken je nach Bedarf zu manipulieren. Künstliche Hormone unterdrücken den natürlichen Zyklus, die Nacht wird zum Tag gemacht. Kinderkrankheiten, die den Körper in seiner Entwicklung unterstützen, werden verbannt, die Zeit die Kinder geduldig zu begleiten, ist in einer profitorientierten Gesellschaft nicht vorhanden. Es wird rund um die Uhr gearbeitet, Wochenenden und das Bedürfnis nach Pause werden ignoriert. Es ist gleichgültig, ob im Winter die Bäume blühen und im Sommer der Schnee fällt, solange die Wirtschaft floriert. Impfungen unterbrechen und blockieren den körpereigenen Rhythmus und beeinträchtigen eine ungestörte Entwicklung. Vom medizinischen Personal eines Krankenhauses wird erwartet, rund um die Uhr zu arbeiten und immer erreichbar zu sein. Der körpereigene Rhythmus wird negiert, kein Wunder, daß er auch bei den Patienten kaum wahrgenommen und respektiert wird. Männer können sehr lange über ihre Grenzen gehen, ohne es zu registrieren, auch ein Grund weshalb in der Schulmedizin die Frauen unterrepräsentiert sind. Ihr Körper schreit sehr viel früher - sie können ihren Rhythmus nicht permanent ignorieren und Nachtdienste sind in ihrer gesundheitsschädigenden Auswirkung viel früher spürbar. Während meiner Ausbildung in einer Ambulanz wurde ich Zeugin folgender Begebenheit: Ein Hautfacharzt war seit sieben Uhr morgens damit beschäftigt, einen Patienten nach dem anderen zu untersuchen, Diagnosen zu stellen und Medikamente zu verordnen. Der Wartesaal war voll. Um ca. 11 Uhr betrat ein erboster Patient den Behandlungsraum und beschwerte sich lautstark über die lange Wartezeit. Der Kollege, der seit vier Stunden ohne eine Sekunde Pause Dutzende von Patienten gesehen hatte, wies in schroff und ungehalten in seine Schranken mit der Antwort: "Wir Mediziner haben eine um zehn Jahre geringere Lebenserwartung als die übrige Bevölkerung. Was fällt ihnen ein, sich über ein paar Stunden Wartezeit aufzuregen." |